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Freitag, 19. September 2014 Ralf Ruhl

Vatersein von Anfang an

Das wird bereits dadurch bewiesen, dass immer mehr Väter Elternzeit nehmen – ein Großteil gemeinsam mit der Partnerin gleich nach der Geburt. Bei der Generation U 30 wählt immerhin die Hälfte den ersten Bezugsmonat des Elterngelds in den ersten drei Lebensmonaten des Kindes. Väter wollen also dabei sein, von Anfang an. Und sie tun es auch. Wenn sie dürfen.

Darf jeder Vater Vater sein?

Aber mit dem Dürfen ist das so eine Sache. Da bekommt in einem Krankenhaus in Bielefeld eine 16jährige ein Baby. Nicht weiter bemerkenswert. Das Jugendamt schreitet in Begleitung zweier uniformierter Polizisten ans Wochenbett und schnappt sich das Kind. Das war der örtlichen Tageszeitung einen Artikel wert, durchaus mit empörtem Gestus. Polizei in der Geburtsklinik, was soll das denn? Das Baby wurde in einer Pflegefamilie untergebracht. Auch hier die Frage, warum die Mutter denn nicht unterstützt werden könnte bei der Aufzucht des neuen Erdenbürgers. Eine berechtigte Frage. Aber eine wesentliche Frage fehlt: Was ist mit dem Vater? Selbst wenn die Mutter den erzieherischen Aufgaben nicht gewachsen ist – wieso wird gar nicht geprüft, ob der Vater dazu in der Lage ist?

42.100 Inobhutnahmen durch die Behörden verzeichnet das Statistische Bundesamt 2013. Gegenüber 2008 eine Zunahme von fast einem Drittel. In über 40 % der Fälle war die Begründung die Überforderung der Eltern beziehungsweise eines Elternteils. Aus den Familien genommen wurden übrigens deutlich mehr Jungen als Mädchen. Jedenfalls sein 2012, vorher war es jahrelang umgekehrt.

Schutz der Kinder – Ausgrenzung der Väter?

Eine Inobhutnahme ist eine kurzfristige Maßnahme der Jugendämter zum Schutz von Kindern und Jugendlichen, die sich in einer akuten, sie gefährdenden Situation befinden. Selbstverständlich ist das Jugendamt verpflichtet einzugreifen, wenn es von Gefahren weiß. Die Todesfälle durch Vernachlässigung sind allen noch in starker Erinnerung. Auch aufgrund der starken Wahrnehmung solcher Fälle in der Öffentlichkeit handeln die Jugendämter hier schneller.

Auch bei kleinen Kindern wird inzwischen schneller eingegriffen. Im Jahr 2013 wurden über 2200 Kinder unter drei Jahren aus der Familie genommen. In der Regel wurden sie bei einer „geeigneten Person“ untergebracht, knapp die Hälfte aber auch in einem Heim oder einer anderen Einrichtung. Die Begründung war immer „wegen Gefährdung“.

Eine immens hohe Zahl. Sicher steht nicht in jedem Fall die Polizei auf der Wochenstation. Aber immer noch bekommt die Mutter mit der Geburt das alleinige Sorgerecht, wenn die Eltern unverheiratet sind. Oder schon während der Schwangerschaft beim Jugendamt mit der Anerkennung der Vaterschaft eine gemeinsame Sorgeerklärung abgegeben haben. Die kann der Vater auch allein beantragen, sogar gegen den Willen der Mutter. Denn grundsätzlich gehen Gerichte inzwischen davon aus, dass das gemeinsame Sorgerecht dem Kindeswohl dient.

Lieber Pflegefamilie als Vater

Das alles dürfte den meisten Lesern dieser Seite bekannt sein. Was aber geschieht, wenn der Vater gar keine Chance hatte, seinen Sorgewillen zu beurkunden? Wenn das Kind in einer Babyklappe abgegeben wurde? Wenn die Mutter mit dem Baby verschwindet – „unbekannt verzogen“? Oder eben wenn das Jugendamt das Kind in Obhut nimmt, bevor der Vater die Sorge beantragen konnte?

Nun, offenbar das, was die Statistik aussagt: Das Kind kommt in ein Heim oder zu einer Pflegefamilie. Der Vater wird oft nicht einmal ermittelt, geschweige denn gefragt. Eine gewisse „Vaterblindheit“ muss vielen Jugendämtern an dieser Stelle wohl bescheinigt werden. Denn wie eine Inobhutnahme praktisch vonstatten geht und wie sie vorbereitet wird, das entscheiden die Sachbearbeiterinnen und das Amt vor Ort.

So richtig kurzfristig, wie es eigentlich sein sollte, sind diese Maßnahmen nicht. Knapp zwei Drittel dauern länger als fünf Tage, nur in 36 % der Fälle kommen die Kinder wieder in ihre Familie zurück, sagt das Statistische Bundesamt. Die Kinder müssen also mit einer gewissen Entfremdung von ihren Eltern rechnen. Offenbar insbesondere vom Vater, wenn dieser doch oft nicht einmal in die Entscheidungsfindung einbezogen wird.

Sorgerecht für beide Eltern von Geburt an!

Ja, es gibt böse Väter, die ihre Kinder schlagen und vernachlässigen. Und es gibt Väter, die nicht in der Lage sind, ihre Kinder zu erziehen. Und sicher findet man solche Väter gerade auch in Familien, aus denen die Kinder herausgenommen werden.

Gerade bei den ganz jungen Kindern, den Babys, den vom Wochenbett abgeholten, kann das aber noch nicht der Fall sein, der Vater war ja noch gar nicht mit dem Kind zusammen. Hier wird offenbar von Anfang an angenommen, dass der Vater erziehungsunfähig sein wird oder kein Interesse hat. Dies könnte man ihm aber nur unterstellen, wenn er denn ausreichend Möglichkeit gehabt hätte, die elterliche Sorge für sein Kind zu bekommen.

Die einzige Möglichkeit, hier den Kindern zu ihrem Recht auf ihren Vater zu verhelfen, ist eine radikale Reform des Sorgerechts. Eine radikal einfache Reform: Sorgerecht für beide Eltern vom Zeitpunkt der Geburt an. Ohne Wenn und Aber.

Ralf Ruhl