Am heutigen internationalen Vatertag stehen weltweit Väter, Vatersein und väterliche Verantwortung im Mittelpunkt. Der Tag erinnert daran: Väter sind für Kinder nicht nur Ergänzung, Besuchskontakt oder finanzielle Absicherung. Sie sind Eltern – von Anfang an und auch nach einer Trennung.
Indessen zeigt sich in der gesellschaftlichen Praxis eine tief verankerte Asymmetrie: Mutterschaft wird als unmittelbar, körperlich und unwiderruflich gegeben verstanden. Vaterschaft hingegen erscheint kulturell häufig als etwas Disponibles - entweder als Verantwortung, die Männern vorgehalten wird, wenn sie ihr nicht gerecht werden, oder als Status, der ihnen abgesprochen wird, weil sie Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit nicht selbst durchlaufen haben. Vaterschaft wird damit in Teilen der öffentlichen Wahrnehmung weniger als Tatsache denn als „verliehener Titel“ behandelt, der sich erst durch Verhalten bewähren müsse.
„Wer Väter politisch zu mehr Verantwortung ermutigt, muss ihnen diese Verantwortung rechtlich und praktisch auch ermöglichen“, erklärt der Väteraufbruch für Kinder e. V. „Kinder brauchen verlässliche Beziehungen zu beiden Eltern. Das gilt in der intakten Familie ebenso wie nach Trennung und Scheidung.“
Noch immer erleben viele Väter, dass ihr Elternsein anders bewertet wird als das der Mutter. Besonders deutlich wird dies bei nicht miteinander verheirateten Eltern: Während die Mutter mit der Geburt automatisch sorgeberechtigt ist, muss der Vater die gemeinsame Sorge erst über eine Sorgeerklärung oder notfalls über das Familiengericht erreichen. Damit wird Vätern signalisiert, dass ihre Elternverantwortung nicht selbstverständlich ist.
Gleichzeitig wird politisch zu Recht gefordert, Väter stärker in Betreuung, Erziehung und Familienarbeit einzubeziehen. Doch Anspruch und Wirklichkeit fallen oft auseinander. Viele Väter möchten heute mehr Verantwortung im Alltag ihrer Kinder übernehmen. Damit dies gelingt, müssen sie von Anfang an einbezogen werden – nicht erst, wenn sich Rollenbilder bereits verfestigt haben.
Umso unverständlicher ist, dass eine verlässliche Vaterschaftsfreistellung unmittelbar nach der Geburt in Deutschland weiterhin fehlt. Wer möchte, dass Väter von Anfang an Verantwortung übernehmen, muss ihnen auch ermöglichen, in den ersten Tagen und Wochen nach der Geburt tatsächlich präsent zu sein – ohne dafür Erholungsurlaub verbrauchen oder auf das Entgegenkommen des Arbeitgebers hoffen zu müssen. Gerade diese frühe Phase stellt wichtige Weichen: für Bindung, für die praktische Aufteilung von Sorgearbeit und für das Selbstverständnis beider Eltern.
Eine bezahlte Freistellung des zweiten Elternteils nach der Geburt wäre deshalb nicht nur ein väterpolitisches Signal, sondern auch ein Beitrag zur Entlastung von Müttern und zur Überwindung klassischer Rollenbilder. Denn diese Rollenbilder haben für Frauen bis heute erhebliche Folgen: geringere berufliche Perspektiven, niedrigere Einkommen, schlechtere Rentenansprüche und ein erhöhtes Risiko von Altersarmut. Die Europäische Union hat mit der Vereinbarkeitsrichtlinie Regelungen für einen bezahlten Vaterschaftsurlaub vorgesehen. Deutschland bleibt eine eigenständige, verlässliche gesetzliche Regelung hierfür jedoch weiterhin schuldig.
Auch nach Trennungen zeigt sich häufig ein Rückfall in alte Rollenbilder. Viele Väter waren vor der Trennung im Alltag ihrer Kinder präsent, haben betreut, getröstet, organisiert, Hausaufgaben begleitet und Verantwortung übernommen. Nach der Trennung werden sie jedoch oft wieder auf die Rolle des Zahlvaters und Wochenendbesuchers reduziert. Das widerspricht modernen Familienrealitäten – und es belastet auch Mütter, die politisch eigentlich entlastet und in ihrer Erwerbstätigkeit gestärkt werden sollen.
Besonders problematisch ist, dass Kontaktabbrüche zwischen Kindern und Vätern in der Praxis oft zu lange hingenommen werden. Wenn Umgang verhindert, verzögert oder immer wieder in Frage gestellt wird, brauchen Kinder und Eltern schnelle Klärung. Lange Verfahren, unklare Zuständigkeiten und folgenlose Umgangsvereitelung führen dazu, dass Beziehungen beschädigt werden, bevor eine gerichtliche oder fachliche Lösung greift. Für Kinder kann Zeitverlust Beziehungsverlust bedeuten.
Auch Institutionen müssen Väter konsequenter als gleichwertige Eltern ansprechen und einbeziehen. In Kita, Schule, Jugendhilfe, Beratung und Gesundheitswesen darf nicht automatisch die Mutter als Hauptansprechperson gelten. Elterninformationen, Gespräche, Hilfeangebote und Entscheidungen müssen beide Eltern erreichen, sofern keine konkreten Schutzgründe entgegenstehen.
Hinzu kommt: Für Mütter gibt es vielerorts ein dichtes Netz an Beratungs-, Unterstützungs- und Schutzangeboten. Für Väter, insbesondere in Trennungskrisen, Umgangskonflikten oder bei eigener Gewaltbetroffenheit, sind spezialisierte Angebote dagegen selten. Viele Väter finden erst spät Hilfe – oder gar nicht. Dabei wäre gerade frühe, niedrigschwellige und vätersensible Beratung ein wichtiger Beitrag zu Deeskalation, Kinderschutz und stabiler Elternverantwortung.
Auch die Männergesundheit wird politisch noch immer zu wenig in den Blick genommen. Männer haben in Deutschland seit Jahrzehnten eine deutlich geringere Lebenserwartung als Frauen. Diese Differenz lässt sich nicht einfach biologisch erklären. Studien wie die Klosterstudie weisen darauf hin, dass Lebensbedingungen, Rollenbilder, Gesundheitsverhalten sowie die Inanspruchnahme von Vorsorge und Hilfe eine wesentliche Rolle spielen. Wer Väter stärken will, darf deshalb Männergesundheit nicht ausklammern. Väter brauchen nicht nur rechtliche Anerkennung und Unterstützung in Trennungskonflikten, sondern auch eine Gesundheits- und Präventionspolitik, die Männer erreicht.
Der Väteraufbruch für Kinder betont zugleich: Der Schutz von Frauen und Kindern vor Gewalt bleibt unverzichtbar. Er darf aber nicht bedeuten, männliche Betroffene und ihre Kinder aus dem Blick zu verlieren. Häusliche Gewalt muss ernst genommen werden – unabhängig davon, ob Betroffene weiblich oder männlich sind. Wer mit seinen Kindern Schutz sucht, braucht Hilfe, Beratung und sichere Zufluchtsorte.
Der Väteraufbruch für Kinder fordert daher:
- Gemeinsame elterliche Sorge als Regelfall ab Feststellung der Vaterschaft, sofern keine konkreten Kindeswohlgründe entgegenstehen.
- Eine gesetzlich gesicherte, bezahlte Vaterschaftsfreistellung unmittelbar nach der Geburt, damit Väter von Anfang an Verantwortung übernehmen und Mütter in der sensiblen Anfangsphase wirksam entlastet werden.
- Eine Familienpolitik, die aktive Vaterschaft auch nach Trennung ernst nimmt – statt Väter wieder auf Unterhalt und Besuchskontakte zu reduzieren.
- Schnelle und wirksame Klärung bei Umgangsverweigerung und Kontaktabbruch, damit Kinder nicht durch Verfahrensdauer den Kontakt zu einem Elternteil verlieren.
- Mehr echte Beratungs- und Unterstützungsangebote für Väter, insbesondere bei Trennung, Umgangskonflikten, psychischer Belastung und Hochkonfliktfamilien.
- Eine Männer- und Vätergesundheitspolitik, die Prävention, psychische Belastungen, Krisenhilfe und niedrigschwellige Zugänge gezielt in den Blick nimmt, statt die kürzere Lebenserwartung von Männern als gegeben hinzunehmen.
- Eine vätersensible Praxis in Kita, Schule, Jugendhilfe, Beratung und Verwaltung, die beide Eltern anspricht und einbezieht.
- Gewaltschutz für alle Betroffenen, einschließlich ausreichender Schutzangebote für gewaltbetroffene Männer und ihre Kinder.
- Eine konsequente Orientierung am Kind, das verlässliche Beziehungen zu beiden Eltern braucht, soweit dem keine konkreten Gefährdungen entgegenstehen.
„Gleichberechtigte Elternschaft beginnt nicht erst beim Unterhalt und endet nicht mit der Trennung“, so der Väteraufbruch für Kinder. „Sie beginnt am ersten Tag. Wer Kinder stärken, Mütter entlasten und Väter in Verantwortung bringen will, muss Vätern Verantwortung rechtlich und praktisch ermöglichen – von der Geburt an und auch nach einer Trennung. Dazu gehört auch, Männer und Väter in ihren Belastungen, Gesundheitsrisiken und Unterstützungsbedarfen endlich ernst zu nehmen.“
