Amy Baker/Paul Fine: Entfremdung

Zusammenfassung

Amy J. L. Baker und Paul R. Fine schildern in „Entfremdung“ das Phänomen der Eltern-Kind-Entfremdung vor allem aus der Sicht des ausgegrenzten Elternteils. Das Buch ist also weniger ein nüchternes Fachlehrbuch als eine Verbindung aus Fallgeschichten, fachlicher Einordnung und praktischen Hinweisen.

Im ersten Teil erläutern die Autoren, was sie unter Eltern-Kind-Entfremdung verstehen: Ein Elternteil beeinflusst das Kind durch bestimmte Verhaltensweisen so, dass es den anderen Elternteil zunehmend ungerechtfertigt ablehnt. Dazu benennen sie typische Entfremdungsstrategien des bevorzugten Elternteils sowie typische Verhaltensmuster entfremdeter Kinder. Gleichzeitig machen sie deutlich, dass sie die Dynamik als für Kinder schädlich ansehen.

Der Hauptteil des Buches besteht aus Geschichten betroffener Eltern. Er zeigt, wie sich problematische Beziehungsdynamiken oft schon vor der eigentlichen Entfremdung andeuten, wie die Entfremdung dann schrittweise aufgebaut und schließlich an einem Kipppunkt massiv verfestigt wird. Dabei arbeiten die Autoren heraus, welche Muster sich in vielen Fällen wiederholen.

Wichtig ist: Das Buch bleibt nicht beim Leid stehen. In späteren Kapiteln geht es um Versöhnung, Hoffnung und Heilung. Die Autoren schildern, dass Wiederannäherungen zwischen Kindern und ausgegrenzten Eltern trotz großer Hindernisse möglich sind, und sie beschreiben typische Auslöser solcher Versöhnungsprozesse. Am Ende geben sie außerdem Hinweise, wie Betroffene mit der Situation leben und wie eine vorsichtige Kontaktanbahnung zu erwachsenen entfremdeten Kindern aussehen kann.
 

In einem Satz:

Das Buch ist ein engagiertes, deutlich parteiliches, aber für Betroffene oft sehr wiedererkennbares Werk über Entfremdung, ihre Entstehung, ihre Folgen und mögliche Wege zurück in Beziehung.

Rezension

Mit Entfremdung haben Amy J. L. Baker und Paul R. Fine ein Buch vorgelegt, das ein Thema aufgreift, das viele betroffene Eltern mit großer Wucht trifft und das zugleich in Fachdebatten oft zu abstrakt behandelt wird. Das Buch setzt bewusst bei den Erfahrungen der ausgegrenzten Eltern an. Es will deren Leidensweg sichtbar machen, einordnen und zeigen, dass hinter dem Kontaktabbruch zu einem Kind nicht nur ein familienrechtlicher Konflikt steht, sondern häufig eine tiefgreifende Beziehungskrise mit erheblichen Folgen für alle Beteiligten.

Gerade darin liegt die besondere Stärke des Buches. Es beschreibt nicht nur theoretisch, was unter Entfremdung verstanden wird, sondern nähert sich dem Thema über Geschichten, Erfahrungen und wiederkehrende Muster. Dadurch wird sehr greifbar, wie sich solche Dynamiken entwickeln können, wie Ohnmacht und Sprachlosigkeit entstehen und warum betroffene Eltern oft das Gefühl haben, mit ihrem Erleben nicht wirklich verstanden zu werden. Für Leserinnen und Leser, die selbst betroffen sind, kann das entlastend sein. Für Fachleute kann es hilfreich sein, weil es die subjektive Seite eines Geschehens sichtbar macht, das sonst häufig nur unter rechtlichen, diagnostischen oder verfahrensbezogenen Gesichtspunkten betrachtet wird.

Das Buch ist dabei klar positioniert. Es versteht sich nicht als distanzierte Gesamtdarstellung aller denkbaren Trennungskonflikte, sondern als Beitrag, der die Perspektive des zurückgewiesenen Elternteils ernst nimmt. Diese Perspektive verleiht dem Buch Eindringlichkeit und Überzeugungskraft, führt aber zugleich dazu, dass manche Passagen zugespitzt wirken. Für fachliche Zusammenhänge sollte das mitgedacht werden. Der Wert des Buches liegt deshalb weniger in einer allseitig abwägenden Neutralität als in der klaren Benennung von Erfahrungswirklichkeiten, die andernorts oft zu wenig Beachtung finden.

Positiv fällt auf, dass das Buch nicht in Hoffnungslosigkeit stehen bleibt. Schon im Vorwort wird deutlich, dass es den Autoren nicht nur um Beschreibung von Verlust und Schmerz geht, sondern auch um Hoffnung, Heilung und mögliche Wiederannäherung. Diese Linie wird später ausdrücklich aufgenommen: Versöhnung erscheint nicht als einfacher oder sicherer Weg, aber als reale Möglichkeit. Gerade für betroffene Eltern dürfte das ein wichtiger Gedanke sein.

Für eine Veröffentlichung, die sich sowohl an betroffene Eltern als auch an Fachkreise richtet, ist Entfremdung deshalb eine empfehlenswerte Lektüre. Betroffene finden darin vielfach Wiedererkennung, Trost und Anregungen zum Weiterdenken. Fachleute finden einen Zugang zu einer Erfahrungswelt, die im Alltag von Beratung, Jugendhilfe und Justiz nicht immer ausreichend wahrgenommen wird. Wer das Buch mit dem Bewusstsein liest, dass es einen bewusst parteilichen Blickwinkel einnimmt, wird darin eine aufschlussreiche und wichtige Stimme in einem schwierigen Themenfeld finden.